Krieg, Trauma und Psyche (Teil 1+2)

Doch alles auf einer Seite lesen

1. Was ist ein Psychotrauma?

Ein traumatisches Ereignis ist ein Ereignis, dass so gravierend ist, dass es die Verarbeitungsfähigkeit des Organismus überfordert (z.B. durch Angst oder Schmerz).
Meist sind das unmittelbar lebensbedrohliche Ereignisse. Mittlerweile wissen wir aber, dass auch Situationen, die nicht unmittelbar lebensbedrohlich sind oder Schwerstverletzungen hervorrufen, wie Traumata wirken können. (Paradebeispiel ist hier sexualisierte Gewalt, bei der es außerhalb von Kriegskontexten statistisch selten zu objektiver Lebensbedrohung kommt. Dennoch sind die psychischen Folgen verheerend.)
Selbst instinktive Notfallreaktionen wie Kampf oder Flucht* sind nicht möglich oder nicht hilfreich. Es bleibt oft nur Erstarren und Aushalten des Unaushaltbaren.
Betroffene erleben eine völlige Ohnmacht und Verlust der Kontrolle über ihre Situation. Extremes Leid kann nicht verhindert werden.
Das kann schwere Folgen für die Psyche haben.

*Geflüchtete sind zwar noch geflohen, aber allein die Tatsache, dass kein anderer Ausweg mehr blieb und dass das Leid (Verletzung, Verlust der Heimat, Angehöriger etc.) nicht verhindert werden konnte, sind traumatisch. Die Erlebnisse auf der Flucht sind in fast allen Fällen weitere Traumata, (teils lebens-) bedrohliche und belastende Einzelsituationen, denen die Menschen ziemlich hilflos ausgeliefert sind.

2. Welche Folgen können nach einem Trauma auftreten?

Was passiert im Gehirn bei und nach einer traumatischen Situation?

Bei einem traumatischen Erlebnis werden Erinnerungen nicht wie gewohnt zusammenhängend gespeichert, sondern fragmentiert, zersplittert, wie ein ungelöstes Puzzle. Oft kommt es dabei zu Erinnerungslücken.
Ein einzelner scheinbar unzusammenhängender Hinweisreiz (Trigger) kann aber die ganze traumatische Erinnerung plötzlich reaktivieren, sodass sie sich unkontrolliert aufdrängt.

Das nennen wir auch Intrusionen. Dadurch kommt es zu:

  • Flashbacks*,
  • Panikattacken,
  • Alpträumen.

*Ganze Situationen oder Bruchstücke werden ähnlich einer Halluzination wiedererlebt. Betroffene glauben für den Moment wieder in der Situation zu sein. Wahrnehmungen von damals, wie Panik und Schmerz werden wieder empfunden.

Trigger für solche Intrusionen können nicht nur Reize sein, die wir bewusst mit dem Trauma verbinden (wie z.B. ein lauter Knall oder Feuer), sondern auch irgendetwas völlig harmloses, das in der traumatischen Situation zufällig mitabgespeichert wurde – sogar positive Reize (Kaffeeduft, Sonnenschein).
Oft lässt sich nichts genau sagen was alles als Trigger fungieren kann. Durch die unverarbeitete Erinnerung kann es zu vielen weiteren Symptomen kommen:

Weitere Symptome

Neben den sich immer wieder aufdrängenden Erinnerungen, die oft in Form der beschriebenen Flashbacks oder Alpträume auftreten, kommen meist diverse weitere Symptome hinzu:

  • Vermeidung von Reizen und Situationen, die an das Trauma erinnern. Das kann soweit gehen, dass Menschen sich nicht mehr vor die Tür trauen, aus Angst, dass wieder etwas die Erinnerung triggert.
  • Aber auch zwanghaftes, exzessives Wiedererinnern kommt vor. Betroffene versuchen (teils auch bewusst) durch Wiedererinnern die Erinnerung zu vervollständigen, ihr einen Sinn zu geben, den Schrecken begreifbar zu machen und suchen fast zwanghaft Informationen und Bilder bis hin zu Reinszenierung traumatischer Situationen (letzteres ist häufiger bei Kindern z.B. im Spiel zu beobachten).
  • emotionale Abstumpfung: was früher Spaß gemacht hat, löst keine Freude mehr aus, Anteilnahme am Leid anderer wird nicht mehr empfunden.
  • ständige Anspannung und Schreckhaftigkeit (sogenannte Hypervigilanz): die Psyche bleibt im Krisenmodus und erwartet immer und überall Gefahr, dadurch kommt es auch zu…
  • Schlafstörungen,
  • Konzentrationsstörungen,
  • …und Stimmungsschwankungen, bis zur Depression,
    aber auch Reizbarkeit und aggressives Verhalten
  • psychosomatische Symptome (Schmerzen, Verdauungsstörungen etc.),
  • dissoziative Symptome (Gefühl von sich selbst losgelöst zu sein, oder dass Dinge nicht real sind, Realitätsverzerrung)
  • sozialer Rückzug und das Gefühl nicht mehr dazuzugehören, u.A. weil andere das Erlebte und dessen Folgen nicht verstehen können
  • Nichts ist wie vorher – Die Welt ist kein sicherer Ort mehr.


Was beeinflusst das Auftreten von Traumafolgen?

Die gute Nachricht zuerst:
Viele Menschen erholen sich nach einem Trauma wieder und können später ein erfülltes Leben leben, in dem sie sich wieder völlig gesund und sicher fühlen. Und auch wenn es psychische Folgen gibt, sind diese mit der richtigen Behandlung oft heilbar. Einige Menschen leiden aber auch noch Jahre später an den psychischen Folgen von Traumata, weil die Auswirkungen so gravierend waren und/oder weil keine adäquate Hilfe zur Verfügung stand.

Die Folgen sind schlimmer…

  • … je länger oder häufiger traumatische Ereignisse auf die Betroffenen einwirken.
  • … wenn die Ereignisse menschengemacht und keine Unfälle oder Naturkatastrophen sind, weil das Vertrauen in Mitmenschen fundamental erschüttert wird.
  • … je weniger äußere und innere Ressourcen einzelnen Personen zur Bewältigung zur Verfügung stehen. Das gilt vor allem für Menschen, die zusätzlich noch andere Belastungen haben, aber auch und vor allem Kinder.
  • … wenn ein Trauma allein, nur von einer Person erlebt wird, weil diese dann aus ihrer Verbundenheit mit anderen herausgerissen wird.
  • … wenn nach dem Trauma oder während komplexer traumatischer Situationen keine adäquate Hilfe zur Verfügung steht.

Welche psychischen Krankheiten können als Folge von Traumata auftreten?

  • Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
  • anhaltende Persönlichkeitsveränderung nach einem Trauma, auch komplexe PTBS
  • Anpassungsstörung als milde Form, die aber auch nach nicht-traumatischen Belastungen auftreten kann,
  • genauso wie die posttraumatische Verbitterungsstörung, bei der vermehrt die Ungerechtigkeit der Erfahrung wahrgenommen
    und mit aggressiven Gefühlen reagiert wird.

Das Vollbild einer PTBS oder gar Persönlichkeitsveränderung tritt aber viel seltener auf als andere Folgeerkrankungen, bei denen die traumatische Ursache in der Diagnose nicht auftaucht und leider auch oft in der Therapie vernachlässigt wird:

  • Depressionen,
  • psychosomatische Erkrankungen,
  • Angsterkrankungen (spezifische Ängste, auch generalisierte Angststörung),
  • Suchterkrankungen (wenn Betroffene mangels adäquater Hilfe versuchen ihre Symptome selbst zu betäuben).
  • bei Kindern und Jugendlichen können zusätzlich Entwicklungsverzögerungen, emotionale und Verhaltensstörungen dazukommen, v.a. ADHS, Einnässen etc. und im weiteren Verlauf können sich Persönlichkeitsstörungen (z.B: Borderline) entwickeln.

Weiterlesen Teil 3. Was brauchen Betroffene?

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